Mittwoch, 17. Oktober 2007

The Public Märchenclub

"Weg mit der Rente! Verschont die Jungen" lautete der gestrige Abend bei Maischberger. Dass keiner der "üblichen verdächtigen" Fürsprecher eines staatlichen Rentensystems wie z.B. Blüm, Müller oder eine(r) von der LINKEn dabei war, wirkte zunächst erstmal erfrischend. "Endlich mal andere Gesichter und nicht all diese Phrasen, die Du eh schon kennst.", dachte ich mir. Was sich aber dann offen zeigte, war mehr oder minder ein Plüschclub von KaffeesatzleserInnen!

Da war z.B. dieser Finanzexperte, der sich nicht nur rein äußerlich ein Vorbild an Meister Proper (Bernd W. Klöckner) zu nehmen schien: Er wollte unseren Staat nämlich gerne gänzlich vom aktuellen Rentensystem säubern (nicht von heute auf morgen, aber lieber gestern als heute). Kapitalrisiken waren für den ein Fremdwort, frei nach dem Motto: Die Zukunft ist sicher. Hey, kennen wir das nicht? Schauen wir also mal nach Übersse: Da sind Pensionversicherungen pleite gegangen; wer sich darauf verließ, hat somit Pech gehabt. Ist also noch jemand interessiert an alleiniger Kapitaldeckung?

"Alleinige Kapitaldeckung" wollen natürlich alle nicht. Es muss ja schließlich auch "das Soziale" gewahrt bleibt. Wo läuft also der Hase hin? Auf eine Grundsicherung! Das bedeutet im Klartext: Sozialhilfe. Das Zukunftsmodell sieht dann wohl so aus: Rentenversicherungen – insbesondere privat – für die, die es sich leisten konnten, und wer dann in der Rente zu wenig hat, darf aus Steuermitteln "aufstocken". Die Sozialhilfe, welche das Existenzminimum darstellt, wirkt dann wie ein Deckel. Da kann Freude aufkommen, was?

So in etwa hat sich übrigens auch der SPD-Fuzzi (Rudolf Dreßler) geäußert, wenngleich der natürlich das "staatliche Rentensystem" aufrecht erhalten will. Richtig sympathisch war seine Offenheit zur Funktionstüchtigkeit unserer Gesetzesgebung: Die funktioniert nämlich praktisch gar nicht! Kein Parlamentarier hat wirklich eine Ahnung, was er verarbschiedet. Die Gesetze sind zu kompliziert. Also interessieren sich weder Medien noch Parlamentarier z.B. für die jährlichen Rentenberichte; und die, die es tun, sind den Lobbyisten ausgeliefert. Ein ehrlicheres Zeugnis über Unfähigkeit, Desinteresse und korrupte Auswüchse gab es wohl noch nie im TV.

Richtig "toll" war auch Jean Pütz, der Öko-Bastel-Opa von den Dritten:Was der von sich gab, dass war wirklich zum Schnurbart raufen. "Die Fürsorge von Jung für Alt funktioniert nicht, das wäre ein zentraler Fehler", dass müsse abgeschafft werden usw. Hallo, Pützi, mal was von Generationenvertrag gehört? Naja, selbst wenn, kapiert hat der dieses Versicherungsprinzip offenbar überhaupt nicht. Dabei hat doch Onkel Pütz laut eigenen Aussagen auch einen Bausatz für Volkswirtschaftslehre in seiner Hobbytheke. Offenbar war dort aber der Baustein "Produktivität" verlegt worden. Auf jeden Fall ließ sich Onkel Pütz zu der Behauptung hinreißen, die BRD wäre gar nicht reich. Da hätte ich ihm gerne mal meinen ollen Makro- oder Statistik-Prof zur Seite gewünscht: Die hätten den sowas von nackig gemacht, dass sein Zwirbelbärtchen der Schwerkraft entgegen gekommen wäre und das TROTZ Bartwachs mit Drahtverstärkung!

Davon abgesehen: Alle Anwesenden waren so richtige Altersexperten. Der demografische Wandel, d.h. die "Verrentung" der Gesellschaft, stand wie ein Hinkelstein völlig unreflektiert im Raum. Wer daran zweifelt, den verweise ich mal auf Albrecht Müllers Artikel "Demagogie pur beim Abbau des Vertrauens in die gesetzliche Rente: der ZDF-Programmschwerpunkt Demographie" auf den NachDenkSeiten, in dem zu lesen ist:

"Ab Seite 29 der Presse Dokumentation werden sinnigerweise unter der Überschrift 'Warnungen von Experten' folgende Personen genannt: Wolfram Engels, Horst Opaschowski, Meinhard Miegel, Ernst Welteke, Bernd W. Klöckner, Bernd Raffelhüschen, Herwig Birg. Das ist eine völlig einseitige und zudem groteske Auswahl. Natürlich wird verschwiegen, dass einige der Experten (zum Beispiel Miegel und Raffelhüschen) in Diensten der Finanzindustrie stehen [...] .
Unter der Überschrift 'Deutschland schrumpft und vergreist' werden auf Seite 32 'Fakten zum demographischen Wandel' präsentiert. Sie sind einseitig ausgewählt und es wird so getan, als seien die Modellrechnungen des Statistischen Bundesamtes sichere Prognosen. Schon die Entwicklung der Einwohnerzahl hängt von Annahmen ab. [...] Niemand kann heute genau sagen, ob Deutschland im Jahre 2030 'geschrumpft' sein wird.
Schon die Überschrift ist glatte Demagogie. Den Lesern und Zuschauern wird vorenthalten, dass selbst dann, wenn die Einwohnerzahl bis zum Jahr 2030 auf 'zirca 78 Millionen' sinken würde, in Deutschland dann insgesamt fast 10 Millionen Menschen mehr leben würden als 1950. Damals waren wir in West- und Ostdeutschland zusammen 68,7 Millionen. Wer angesichts dieser Zahlen mit dem Begriff 'schrumpfen' operiert, hat nicht aufklärende, sondern demagogische Absichten."

FAZIT: Dass während der Maischberger-Sendung auch mal kritische Töne anklangen und ein Einspieler zu kritischen Fragen anregen sollte, änderte am Gesamtbild der Sendung leider nichts: Es war ein fürchterlicher Märchenclub!

1 Kommentar:

Sven hat gesagt…

Ja, gerade das mit Demographie ist so eine Sache. Das ist wie bei allem, was die Öffentlichkeit unreflektiert frisst: Bastel ein schickes Diagramm und du kannst alles untermauern.