Mittwoch, 1. Juni 2011

Die männerfreundliche Frau Ebeling

Vor ein paar Wochen war vom Fall der ehemaligen Gleichstellungsbeauftragen von Goslar, Frau Ebeling, zu lesen. Zunächst eine kurze Auswahl an Beiträgen, deren Titel schon erahnen lassen, um was es konkret ging.

  1. "Frauenbeauftragte angeblich zu männerfreundlich" (Welt)
  2. "Männer werden benachteiligt" ein Interview mit Frau Ebeling (SZ)
  3. "Zuviel Herz für Männer" (Junge Welt)
  4. "Falsche Frau, falscher Platz" (Focus)

Als ein Grund für die Abwahl von Frau Ebeling führten viele Berichte an, dass Frau Ebeling eine Veranstaltung zur "Gewalt gegen Frauen" nicht unterstützen wollte, weil es ja schließlich auch Gewalt gegen Männer gebe.

Das Problem ist nur, dass die Medien - allen voran die großen Tageszeitungen - kaum bis gar nicht näher auf die besagte Verstanstaltung eingingen. Wer etwas zeitlichen Aufwand in Kauf nahm, konnte recherchieren, dass mit der Veranstaltung wohl die Ausstellung "Gegen Gewalt in Paarbeziehungen" des LKA Niedersachsens gemeint war. Auf der entsprechenden Seite ist auch eine Broschüre bzw. ein Begleitheft herunterzuladen (oben rechts).

Schon angesichts des Titels müsste sich die kritische Leser(innen)schaft die Augen reiben, denn aus dem Titel "Gegen Gewalt in Paarbeziehungen" ist noch gar nicht ersichtlich, dass dort allein Gewalt gegen Frauen thematisiert werden sollte.

Beim Sichten der oben erwähnten Lektüre stellt sich natürlich heraus, dass der Fokus der Ausstellung auf der männlichen Gewalt liegt. Wer aber mal etwas genauer hineinschaut, kommt an der Vermutung nicht vorbei, dass diese vermeintliche Einseitigkeit der Statistik geschuldet ist. Frauen sind laut Statistik nun einmal die größte Opfergruppe.

Dessen ungeachtet steht der vermeintlichen Einseitigkeit entgegen, dass im erwähnten Begleitheft auch Gewalt gegen Männer angespochen wird, sogar mit ausdrücklichen Verweis auf eine Studie aus dem Bundesfamilienministerium! Zudem gibt es noch einen Abschnitt über Gewalt gegen andere Opfergruppen.

Frau Ebeling mag an dieser Broschüre eine nicht ge-genderte Sprache monieren, aber Aussagen wie diese hier ...

Das ist ein wichtiges Thema, aber das Handbuch zur Ausstellung fand ich den Grundsätzen der Gleichberechtigung nicht entsprechend. [...] Der Täter ist immer der Mann, das Opfer immer die Frau. Das fand ich nicht zeitgemäß. Es gibt auch männliche Opfer häuslicher Gewalt.

(Quelle: SZ)


sind angesichts der Broschüre des LKA schlicht überzogen.

Gut, im Begleitheft mag mensch vielleicht etwas zu zögerlich mit dem Thema "Gewalt gegen Männer" umgegangen sein. Aber aus meiner Sicht lag trotzdem der spürbare Versuch vor, das Thema Gewalt gegen Männer nicht auszuklammern. Mehr noch: Im Gegensatz zu Frau Ebeling, die bei häuslicher Gewalt offenbar nur an Gewalt gegen Männer/Frauen denkt, finden sich dort Hinweise auf andere Opfergruppen häuslicher Gewalt.

Freilich, wie die Veranstaltung dann tatsächlich ausgesehen hätte, lässt sich aus den oben verlinkten Angaben des LKA Niedersachsen nicht ersehen. Aber ich denke, selbst wenn mensch es etwas einseitig empfunden hätte, wären immer noch genügend Anknüpfungspunkte gegeben gewesen, um in der konkreten Ausstellung in Goslar bestimmte Inhalte zu akzentuieren. Das Infomaterial, das das LKA bereitstellte, bietet ausreichend Möglichkeiten.

Insofern scheinen mir die Argumente von Frau Ebeling auf der Unkenntnis der tatsächlichen Infomaterialien und/oder auf Basis eigener ideologischer Verbortheit zu basieren und deshalb nur vorgeschoben zu sein.

Für die Presse ist es übrigens ein Armutszeugnis, was über den Fall für spekulativer Müll geschrieben wurde. Die Info zum LKA als Veranstalter habe ich neben dem Hinweis aus einem Forum nur einem FAZ-Artikel entnehmen können, der bei der FAZ aber nicht mehr gelistet war (aber auf anderen Seiten, die ich nicht verlinken möchte, zitiert wurde). Auch der genaue Titel der Veranstaltung war aus den Medien nicht herauszubekommen.

Ein wenig mehr Recherche hätte dem Ganzen daher gut getan. Das gilt insbesondere im Hinblick darauf, dass die konkreten Infos zum Inhalt beim LKA Niedersachsen ohne große Probleme zu beziehen waren. Das Interview in der SZ hätte dann sicher auch kritischer verlaufen können: Zum Beispiel hätte mensch fragen dürfen, wie diese Diskrepanzen in der Sichtweise von Ebeling und den Infos des LKA zu Stande kamen.

Nun ist mir heute der Artikel "Entlassene Gleichstellungsbeauftragte " (SZ) in die Hände gefallen, wo noch einmal nachgelegt wurde.

Dabei will ich zunächst gerne eingestehen, mir sehr gut vorstellen zu können, dass bestimmte "Kreise" womöglich gereizt reagieren, wenn jemand auf die Gewalt gegen Jungen/Männer aufmerksam macht. Machen wir uns nichts vor: Das Thema ist in ein politisches Umfeld eingebettet, in dem ideologische Bornhiertheiten zu erwarten sind.

Aber das Bild, das die Süddeutsche im eben erwähnten Artikel von jenen zeichnete, die mutmaßlich für die Abwahl von und das negative Klima gegen Frau Ebeling verantwortlich sind, ist schlicht und ergreifend tendenziös! Das betrifft die Bürgermeisterin Luksch, von der es heißt, sie wäre nur per SPD-Ticket ins Amt gekommen; natürlich durfte nicht unerwähnt bleiben, was sie für ein Auto fährt; auch die Grüne Ratsfrau Juranek kommt nicht sonderlich gut weg; ebenfalls die Vorsitzende des Frauenhaus-Vereins Goslar.

Während sich der Knatsch um Frau Ebeling einst u.a. um die oben erwähnte Veranstaltung rankte, wird er in dem aktuellen Artikel auf einen Dissens bezüglich einer Brötchentüte mit der Aufschrift "Gewalt gegen Kinder und Frauen kommt nicht in die Tüte" reduziert. Ebeling wäre dagegen gewesen, weil es ja auch Gewalt gegen Männer gebe. Im zweiten Teil des Artikel wird Frau Ebeling deshalb zur Kritikerin eines ideologischen Feminismus gekürt. Damit ist die Katze aus dem Sack: Gegen einen vermeintlich ideologischen Feminismus - vertreten durch die oben erwähnten Gegnerinnen - sollte es gehen. Frau Ebeling quasi als Opfer einer ideologischen Feminismusverschwörung?

Der rhetorische Kniff ist, dass diese Verschwörungstheorie in den Artikeln selten direkt angesprochen wurde. Wer zwischen den Zeilen las, konnte aber genau das herauslesen. Genau das war O-Ton der meisten Artikeln, die ich zu diesem Fall gelesen habe.

Aus meiner Sicht waren die Artikel aber häufig genug eine grobe Verkürzung, tendenziös und extrem (!) schlecht recherchiert.

Ich rechne es den sogenannten Journalist(innen) außerdem als wirklich miese Leistung an, dass sie in ihren Artikeln so taten, als ob sich das Genderthema allein auf die Frauenfrage reduzieren lasse.

Denn "Gleichstellung", das betrifft eine Reihe von Menschengruppen: Menschengruppen, die in unserer Gesellschaft aus welchen Gründen auch immer benachteiligt werden. Dazu gehören u.a. auch Alte oder körperlich und geistig Benachteiligte. Ebenso ist dort spürbar das Thema der gleichgeschlechtlichen Lebensweisen angesiedelt. Das wird wohl auch der Grund dafür sein, weshalb z.B. das entsprechende Referat des Studierendenrats der Uni Leipzig thematisch entsprechend breit aufgestellt ist.

Es wäre schön gewesen, wenn die Medien, die sich aktuell in dem Fall Ebeling so groß hervortun, genau diese Themen- und Problemvielfalt, die mit der "Gleichstellung" verbunden ist, angesprochen hätten. Kritisch hätte mensch Frau Ebeling ihr recht beschränktes Verständnis der Gleichstellungsarbeit vorhalten können. Dass dies alles nicht geschah, zeigt einmal mehr, wie viel Engagement in diesem Gebiet noch notwendig ist.

Kommentare:

Ines Fritz hat gesagt…

Das ist doch mal was Genaues! Recht Herzlichen Dank!

Anonym hat gesagt…

OH jeh ARBO,
Deine Vermutungen, Mutmaßungen und Sichtweisen im Fall GS strotzen von Unkenntniss der örtlichen Mobbingszene und falsch interpretiertem Angelesenen.

Eigentlich halte ich Frau Ebeling für menschenfreundlich (nicht männerfreundlich) , denn sie ist keine Antifeministin und mit großer Empathie für die Leiden der Kinder ausgestattet.

Aber Deine Sicht ist akzeptabel und zu tolerieren für jemand, der sich noch nie in GS Politkreisen umhörte

http://www.gruene-goslar.de/stadtrat-goslar/?no_cache=1&expand=299673&displayNon=1&cHash=75155bf35e91803fedf6619054c06049

LG Marita

Arbo Moosberg hat gesagt…

@ Anonym:

Mit der "örtlichen Mobbingszene" habe ich mich auch nicht intensiv auseinandersetzen können. Zudem habe ich ausdrücklich formuliert, dass sich meines Erachtens beide Seiten in Sachen Borniertheit nichts nehmen.

Wer Gleichstellungsarbeit auf Frauen- oder auf Männerarbeit reduziert, hat nichts kapiert!

Dessen ungeachtet haben sich die Medien keineswegs mit Ruhm bekleckert, denn etwas mehr Aufhellung in der Sache mit der Veranstaltung hätte sicher ganz gut getan.

Ich hätte gerne ein paar kritische Fragen gelesen, die nicht nur auf halbgaren Politgerüchten basieren.

Also nochmal: Wenn ich mir die Broschüre des LKA anschaue, sind es nicht nur, die "Grünen" u.ä. Verdächtige, die das Kraut in den Himmel schießen ließen, sondern vor allem auch die Kritik von Ebeling war überzogen.

Diese ganze Diskussion zeigt mir einmal mehr, welche Scheuklappen auf den unterschiedlichen Seiten getragen werden. Das ist dem Thema "Gleichstellung" m.E. äußerst abträglich.

Arbo

Anonym hat gesagt…

Bereits der erste Aksatz der Webseite zeigt schon ganz deutlich einen Schwerpunkt.
„Die vom Landeskriminalamt Niedersachsen (LKA NI) entwickelte Ausstellung „Gegen Gewalt in Paarbeziehungen“ unterstützt den Aktionsplan des Landes Niedersachsen zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen im häuslichen Bereich und wird kostenlos an interdisziplinäre Netzwerke verliehen, die gegen häusliche Gewalt intervenieren.“
Das Plakat lässt auch keinen anderen Schluss zu als dass Gewalt in der Partnerschaft nur eine täter und eine Opfergruppe hat. Und wenn man nicht bereit ist die 45 Seiten durchzulesen, um den einen Absatz über eine Alternative Studie zu lesen, dass Männer häufiger Opfer von Gewalt werden, dann bieten die Überschriften auch keinen anhaltspunkt dafür, daß diese Ausstellung um aisgewogenheit bemüht ist:
„Partnergewalt gegen Frauen hat viele Gesichter“
„Warum geht die Frau nicht weg?“
„kinder mißhandelter Mütter“
„Hilfe für Kinder mißhandelte Mütter“
„Einzig und allein Häusliche Gewalt und spezielle Opfergruppen“ lässt vielleicht mal die Interpretation zu, es könnte auch um Männer gehen.
Kein Wunder, daß eine Gleichstellungsbeauftragte die ihren Job ernst nimmt das nicht unterstützen will.

Arbo Moosberg hat gesagt…

Die Infos auf der Webseite sind Interpretationssache. Mensch kann da auch anderes herauslesen.

Auf jeden Fall lässt sich die Ausstellung auch so verstehen, dass die Fachleute vor Ort noch andere Akzente setzen können. Wer das aber nicht will oder zu faul ist, darf sich nicht beschweren.

Außerdem: Wer zu faul zum Lesen der Broschüre ist, ist selber schuld. Dort wurde der Fokus sehr gut begründet. Und ausgespart wurde auch nichts. Im Gegenteil, da finden sich genügend Anknüpfungspunkte.

Aber gut, wer da gerne seine feministische Verschwörung sehen will ... :-/

Ansonsten: Wer das Gleichstellungsamt auf Männer vs. Frauen reduziert, hat m.E. in dem Amt wenig zu suchen. So, wie es scheint, hat Frau Ebeling dort nur ihr eigenes Süppchen kochen wollen. Da ist sie nicht wesentlich besser, als ihre politischen Gegner(innen).

Arbo