Dienstag, 14. März 2017

Zur Erinnerung: Thesen gegen die Ausplünderung der Gesellschaft

Ich bin eben wieder über einen Text gestolpert, der es in eine große Zeitung - die SZ - geschafft hatte: Ingo Schulze schrieb 2012 in der SZ den Beitrag "Thesen gegen die Ausplünderung der Gesellschaft: Kapitalismus braucht keine Demokratie".

Drüben, auf der Narrenschiffbrücke, fragte mich Charlie kürzlich, wie ich als jemand mit ostdeutschem Migrationshintergrund die Situation in Ostdeutschland einschätze. Vielleicht kommt da in der nächsten Zeit noch einmal etwas von mir. Aber bis dahin empfehle ich den obigen Text, weil er m.E. auch deutlich aus einer ostdeutschen Systemumbruchs-Erfahrung schöpft. Ingo Schulze ist Jahrgang 1962 und aus Dresden. Und ich würde sagen, dass er einer der wenigen Intellektuellen in Deutschland ist, die den Nagel auf den Kopf treffen. Zum Beispiel, wenn er schrieb:
"Von einem Angriff auf die Demokratie zu sprechen, ist euphemistisch. Eine Situation, in der es der Minderheit einer Minderheit gestattet wird, es also legal ist, das Gemeinwohl der eigenen Bereicherung wegen schwer zu schädigen, ist postdemokratisch."
"Die Sprache der Politiker, die uns vertreten sollten, ist gar nicht mehr in der Lage, die Wirklichkeit zu erfassen (Ähnliches habe ich bereits in der DDR erlebt). Es ist eine Sprache der Selbstgewissheit, die sich an keinem Gegenüber mehr überprüft und relativiert."
"Die einfachen Fragen: 'Wem nutzt das?', 'Wer verdient daran?' sind unfein geworden. Sitzen wir nicht alle im selben Boot? Haben wir nicht alle dieselben Interessen? Wer daran zweifelt, ist ein Klassenkämpfer."
Aber Vorsicht: Wer bedenkt, dass nun über fünf Jahre vergangen sind, kann leicht frustriert den Kopf auf die Tischplatte hämmern lassen. So viel hat sich nämlich seit diesem Text nicht geändert. Insofern ist der Text hochaktuell. Und es steht zu vermuten, dass es schlicht ein "Unfall" war, der diesen Text in die SZ gelangen ließ.

Kommentare:

Charlie hat gesagt…

Danke für die Erinnerung an diesen Text, den ich inzwischen völlig vergessen hatte. :-) Allerdings handelt es sich hier nach meiner Einschätzung um eine der seltenen Feigenblatt-Publikationen, die in gewissen "linksliberalen" Medien von Zeit zu Zeit - meist im "Föhjetong" oder, wie hier, im Ressort "Kultur" - auftauchen (wo sie ums Verrecken nicht hingehören), um Meinungsvielfalt zu simulieren, die es dort allerdings gar nicht gibt.

Das ändert nichts daran, dass der Text sehr lesens- und bedenkenswert ist, verdeutlicht aber, dass derlei Alibi-Artikel keinerlei Wirkung entfalten (sollen). Q.e.d.

An Deiner Einschätzung zur Situation in Ostdeutschland bin ich in der Tat sehr interessiert - ich hoffe, Du findest die Zeit und die Lust, dazu etwas zu schreiben. :-) Genauso wäre natürlich ein "Bericht aus Österreich" hochinteressant ... aber ich mäßige mich wohl besser. ;-)

Liebe Grüße!

Arbo hat gesagt…

@Charlie:

Ja, in gewisser Weise stimme ich Dir zu. Obwohl ich es auch nicht für ausgeschlossen halte, dass da ein Schreibknecht durchaus auch innerlich anders tickt und einfach mal die Gelegenheit beim Schopfe ergriff, als - wie FeFe immer schreibt - "der Zensor pinkeln" war. ;-)

Das mit Ostdeutschland kommt sicher noch; Ösi-Land ist so eine Geschichte, in bin ja in Wien, da tickt das nochmal etwas anders ... aber es gibt schon so drollige Sachen (Ausländer sollen gefälligst deutsch lernen, aber allergisch reagieren, wenn Deutsche das von Ösis auch fordern ... ;-) ).

Momentan habe ich aber noch ein paar profane Dinge um die Ohren - und ein musikalisches Ding, das muss auch erstmal verarbeitet werden. ;-)

LG
Arbo